BBÖ 310.23 - 9. 6. 13

Dieser Eintrag befindet sich in der Kategorie Modelle, Nenngröße 1:160
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Die 310 der ehemaligen Firma Gerard gehört ohne Übertreibung wohl zu den seltensten Modellen in 1:160. So selten, dass hin und wieder sogar die Existenz dieses Modells von einigen Modellbahnern angezweifelt worden ist.

Die 310 wurde jedoch tatsächlich 1979/80 als sogenannter "Etappenbausatz" aufgelegt. Der Käufer konnte den Bausatz abonnieren, und erhielt pro Monat eine neue Etappe mit weiteren Bauteilen und entsprechender Bauanleitung. Dadurch konnten die ohnehin nicht unerheblichen Kosten auf einen längeren Zeitraum aufgeteilt werden.

Dieser Bausatz stellt ziemlich hohe Ansprüche an den Erbauer. Ich kenne andere Bausätze von Gerard, die weit einfacher zu bauen waren. Das ist meiner Meinung nach auch der Grund, warum Bilder von der 310 in N sehr selten sind. Ich persönlich kenne bis heute nur vier fertig gebaute Modelle, von denen nur eines motorisiert worden ist. Eine 310 wurde einmal in der Modellbahnwelt abgebildet, von einem anderen Modell bekam ich vor Jahren einmal Fotos aus Berlin, und zwei 310 habe ich selber gebaut.

Sollten Sie übrigens noch einen unfertigen Bausatz in der Schublade haben, würde ich mich über einen Kontakt sehr freuen.

Meine erste 310 baute ich in den 1980ern. Mein Vater hatte sie begonnen, aber bald das Interesse verloren. Nach der Fertigstellung wurde das Modell an die Firma Gerard für Präsentationszwecke verliehen. Nach dem Tod von Herrn Riedl wusste niemand mehr etwas davon. Das Modell ist wohl für immer und ewig "verschollen", was ich persönlich für eine ziemliche Sauerei halte. Erkennungsmerkmal: das Modell war nicht lackiert sondern schwarzverchromt. Diese galvanische Schicht kann praktisch nicht entfernt werden. Abgesehen von den vielen Stunden hatten wir immerhin die Bauteile ja auch nicht geschenkt bekommen. Und Gerard Bausätze waren nicht so billig.

Wie auch immer, jammern hilft sowieso nichts. Es war 1993, als ich in der Modellbahnwelt eine Annonce eines Modellbahners aus der Schweiz fand, welcher seine 310 ohne Tender verkaufen wollte. Einen Tender (freilich ohne Antrieb) hatte ich zum Glück noch übrig. Man wurde schnell einig und seither befindet sich dieser Bausatz in meinem Besitz.

20 Jahre später war es so weit. Ich wollte diesen Bausatz fertigstellen!

Zu klären war noch, welche Variante es werden sollte. Die "Reichsbahn-Nummer" 16 möchte ich eigentlich nicht verwenden, denn diese Nummer wurde nur in einer Zeit des Niedergangs dieser Reihe verwendet. Auf dieser Lok muss schon ein Schild mit "310" montiert sein. Dem Bausatz liegen nun Schilder für die 310.01, .23 und .85 bei. Die .01 wechselte nach dem ersten Weltkrieg zur PKP, die .85 zur ČSD. Damit sind diese beide Nummern nur mehr für Epoche I zu brauchen. Mit ihren damals noch unverbauten, eleganten Langkesseln zwar durchaus interessante Varianten, aber mir liegt doch eher die Zeit ab Epoche II aufwärts. Bleibt also die 310.23. Die bekannte Museumsversion läge zwar auf der Hand und würde auch ein weites Einsatzgebiet erlauben. Von dieser Version existieren aber bereits Modelle in N, und ich wollte unbedingt etwas außergewöhnliches: es sollte die BBÖ 310.23 der Epoche II werden. Das einzige mir bekannte brauchbare Vorbildfoto dieser Lok habe ich in der Roco-Publikation "Die Dampflokomotive 310.23" auf Seite 54 gefunden, wo sie im Jahr 1935 auf der Drehscheibe des Heizhauses Wien West steht und am Kessel sowie Tender im Detail deutlich anders aussieht als die heutige Museumslok.

Apropos Kessel. Diesem Bausatz fehlen wie schon bei meiner ersten 310 bis auf Dom und Schlot die meisten Zurüstteile für den Kessel. Einige fehlenden Teile wie Pumpe, Griffstangenhalter, Injektor oder Pfeife habe ich nun in hervorragender Qualität bei KH-Modellbahnbau gekauft. Leitungen, Hebel, Griffstangen, Druckluftbehälter und Tenderaufbauten habe ich aus Kupfer und Messing selber angefertigt.



Ein unscharfer Schnappschuss ist alles, was mir von meiner ersten 310 geblieben ist.

Der ursprüngliche Etappen-Zeitplan. Die Auslieferung ist erheblich abgewichen, bzw. einige Teile wurden gar nicht geliefert. Soweit mir bekannt, ist zum Beispiel nie ein Antrieb ausgeliefert worden.

Einige ausgewählte Teile des Bausatzes. Die schlechte Passgenauigkeit des Kessels bereitet erhebliche Schwierigkeiten und ist der eigentliche Grund, warum ich diesmal mit dem Bau so lange gezögert habe.

Die Hauptkomponenten werden zum ersten mal montiert. Der Rahmen ist wieder schwarzverchromt. Laut Anleitung sollte das Führerhaus mit dem Kessel verlötet werden, um dann mit Rahmen und Umlaufblech verschraubt zu werden. Das führte aber immer zu hässlichen Spalten zwischen Umlaufblech und Führerhaus. Diesmal machte ich es anders: das Führerhaus ist mit dem Umlaufblech verlötet und wird mit dem Kessel verschraubt, was eine nachträgliche Ausrichtung der Teile erlaubt. Der Rahmen wird dann in eine streng sitzende Metalllasche unter das Führerhaus geklemmt und vorne mit der Rauchkammer verschraubt.

Das schwarzverchromen erzeugt keinen einheitlichen Glanz der Oberfläche. Es ist daher eine Farbschicht unverzichtbar, die jedoch aufgrund des schwarzen Untergrunds extrem dünn bleiben darf.

Das Fahrwerk ist montiert und läuft nach wochenlangem Geduldspiel so frei, dass die Lok später einmal vom geplanten Tenderantrieb ohne zu klemmen über die Gleise geschoben werden kann.

Für eine Konstruktion von 1979 finde ich dieses Modell nicht mal so schlecht. Man würde heute vielleicht die Spurkränze anders bauen, aber die Speichen können sich auch neben aktuellen Modellen noch immer sehen lassen. Die Spurkränze habe ich absichtlich nicht brüniert.

Die 2-Cent Münze zeigt hier die wahren Größenverhältnisse.

Bei der Triebwerksverkleidung würde sich eigentlich noch ein U-Profil aus Messing ganz gut machen...

Auch die Stehkesselrückwand samt Armaturen und Feuertüre ist im Bausatz enthalten.



Zuletzt ist noch die Frage des Antriebs offen. Ich konnte bis jetzt keinen Tenderantrieb der bekannten Großserienhersteller finden, der hier passen würde. Der Vorbild-Achsstand des Tenders wäre 1900, 1500 und 1900 mm, falls jetzt also irgend jemand eine Idee hätte...?

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UPDATE 23.05.2016:

Die Lok läuft!

Ich habe mir einen Fleischmann Tenderantrieb für die BR 52 umbauen lassen, sodass nun der Achsabstand ziemlich gut passt. Dazu waren natürlich recht aufwändige Fräsarbeiten notwendig. Die Lok wurde mit einem Tran DCX74 digitalisiert.

https://youtu.be/LLW0wUAV6B0

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Folgende Kommentare wurden hinzugefügt:

Kommentar von saarkarl am 9. 6. 13
Hallo Gerhard,

schöne Arbeit !!!!
Mann sieht das ALTER der Lok schon an - die Spurkränze, das einzige Manko ;-)

Du sagst: Die Spurkränze habe ich absichtlich nicht brüniert. - WARUM ?

Ich persönlich hätte wenigstens die schwarze Farbe vum Rad auf den silbernen Rand erweitert.... ?!?!

Gruß klaus

Kommentar von Udo_K am 10. 6. 13
Hallo Gerhard,

vielen Dank für diesen sehr interessanten Bericht! Ich gehöre zu den Modellbahnern, die nur aus der Ferne etwas vom sagenumwobenen Gerard-Bausatz gehört hatten und eigentlich nicht wussten, ob's Wahrheit oder Legende war. Insofern hätte mir der Textteil dann schon gereicht ;-).

Aber Du präsentierst dazu noch ein sehr sauber zusammengefügtes Modell, Hut ab vor Deiner Arbeit! Da die 310, seit ich die Museumslok 1987 in Aktion gesehen habe, ein Wunschmodell von mir ist, bin ich natürlich auch ein wenig neidisch. Es ist ja nicht davon auszugehen, dass die Lok irgendwann nochmal in N als Modell zu erwerben wäre.

Nun noch zwei Anmerkungen zu Deinem schönen Modell:
Auf vielen Fotos der Epoche II sind bei Schlepptenderloks die vorderen Pufferteller blank poliert, bei manchen auch die Rauchkammertürverschlüsse etc. Würde das Deinem Modell nicht auch stehen, da Du ja die Radreifen auch schon silber gelassen hast (was ich sehr typisch und gut finde)?

Zum Antrieb fällt mir auch kein Großserienmodell ein, leider. Aber bei so einem prachtvollen Modell würde ich bei Bodo Fonfara anfragen, was eine Maßanfertigung kosten würde.

Viele Grüße aus dem Ruhrgebiet,

Udo.

Kommentar von saarkarl am 10. 6. 13
HAllo,

naja, nachdem ich mal Fotos gesucht habe ....

ich wußte nicht , dass die Lok solche Radreifen hat :-)
Na,dann hat sich meine Frage ja auch erledigt :-)

Gruß Klaus

Kommentar von GerhardT am 12. 6. 13
Hallo Klaus und Udo! Danke für die Blumen!
:-)

Ich denke die einzig elektrisch und optisch zufriedenstellende Methode -sprich: dezent dunkler, doch der Glanz von blankem Metall bleibt erhalten - für das nachdunkeln der Radreifen wäre schwarzvernickeln, so wie es Roco bei der großen H0-Schwester ganz gut macht. Leider kann ich nicht vernickeln. Die anderen mir bekannten Brünierungsmethoden überzeugen mich überhaupt nicht.

Die blanken Teile bei Pufferteller und Rauchkammertüre beschrieben sehr gut z.B. die 310.10 oder 310.20, von der es auch zahlreiche ausgezeichnete Fotos gibt. Aber nicht jede 310 hatte das, z.B. die 310.16 und .55. Auf dem erwähnten Vorbildfoto der 310.23 von 1935 meine ich auf den Rauchkammertüren keine polierten Teile zu erkennen. Andererseits liegen diese auf dem besagtem Foto im Schatten. Im Zweifel habe ich mich für die einfachere, erfolgversprechendere Variante entschieden.

Allerdings sollte auf dem Schlot ein Ring in Messingfarbe sichtbar sein. Um ehrlich zu sein, ich habe diesen Ring nicht überzeugend genug zusammengebracht und erst mal bleiben lassen.

Zum wenig publizierten Thema "Farbgebung der BBÖ" finde ich übrigens folgendes sehr bemerkenswert:

"Bei der neu gegründeten BBÖ erhielten zwischen 1919 und 1924 die der Direktion Linz zugeteilten Lokomotiven der Reihen 110, 310, 429 und 470 (letztere der 2. Lieferserie) folgenden Sonderanstrich:

Rauchkammer und Kamin: Mattschwarz.
Lang- und Stehkessel, Führerhaus außen, Zylinderverschalung: Olivgrün.
Rahmen, Pufferbrust, Radsterne und Speichen: Zinnoberrot
Radreifen, Naben und das Triebwerk waren blank."

http://www.laenderbahn-forum.de/journal/farbgebung_dampfloks_oesterreich/farbgebung_dampfloks_oesterreich.html

Stellt euch also mal eine olivgrüne 310 vor.

vg,
Gerhard

Kommentar von andreas f. am 13. 6. 13
Hallo,
Wahnsinn, wunder schön!! Da kommt ein unglaubliches habenwill Gefühl in mir hoch! ;-)
Zum Tender antrieb kann Ich dir vl. helfen.
Ein ehemaliger leider verstorbener N-Bahner hatte auch eine und Ich weiss noch das er den Antrieb einer Französischen Schnellzugdampflok (Rivarossi) einbauen wollte.

http://www.spurweite-n.de/content/NDBSearch/ArtikelDetails.asp?ID=453054456&DoLog=0&Sel_Bezeichnung_VString=dampflok&Sel_Produktdatum_VString=&Sel_Hersteller_FString=Rivarossi&Sel_ArtikelNr_VString=&Sel_Mixed_Full=&Sel_ORDERBY=Bezeichnung&Sel_Baureihe_VString=&Sel_MitBild_Bool=&Sel_Digitalschnittstelle_FString=&Sel_Epoche_FString=&Sel_Gesellschaft_FString=&Sel_Gattung1_FString=&Sel_Gattung2_FString=&ToShow=0&MaxCount=2

Ich hoffe der link geht.

mfg
Andi

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