Mal ganz was anderes! - 22. 2. 08

Dieser Eintrag befindet sich in der Kategorie Sonstiges, Nenngröße Spur-Unabhängig
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Wenn man in Deutschland eine englische "Modelrailway" baut, muss man schon etwas spinnen!
Ich bin einer davon und bring jetzt mal einen ganz anderen Beitrag zu den bisherigen Modellbahnbildern und -berichten. Es sind ein paar Gedanken zur Anlagenplanung und späteren Verwirklichung in Form von Fotos mit nachträglich ausgeschmückten Szenen und deren Beschreibung:

Es ist schön, die fahrenden Züge auf einer Eisenbahnanlage zu verfolgen. Der Blick wird mitgenommen und man kann sich vorstellen, aus dem Fenster zu schauen und die vorbei ziehenden Orte oder Landschaften zu sehen. Am Bahnübergang wartet ein Auto, ein Radler und zwei Fußgänger, - vorbei. Bei der Durchfahrt durch den Bahnhof sieht man Leute auf dem Bahnsteig Zeitung lesen, auf den Bänken sitzen oder sich mit anderen unterhalten, - vorbei! In der Ferne grasen Schafe am Hang, - vorbei. Aber außerhalb der Ortschaft stehen auf ein Mal Autos mitten auf den Fahrbahnen, scheinbar erstarrte Radler balancieren auf der Stelle, ein springendes Kind hängt mit einem Bein am Boden fest und kann sich nicht mehr bewegen! Hier stimmt doch etwas nicht! Der vorbei schweifende Blick sieht hier Dinge, die einer längeren Betrachtung nicht standhalten. Anders war es mit den Leuten auf dem Bahnsteig, oder bei den Bahnarbeitern, die gerade vor dem Lokschuppen Mittagspause gemacht haben.
Wie soll denn nun die Gestaltung einer Anlage aussehen, wenn ein stilles, ruhiges Landleben überzeugend dargestellt werden soll? Dieses "Pause machen" ist der Schlüssel. Es sieht einfach nicht realistisch aus, wenn einerseits Züge fahren und andererseits offensichtliche, schnelle Bewegungen eingefroren sind. Es ist eine Herausforderung mit dem "Pause machen" die Ruhe zu zeigen, die so ein warmer Sommernachmittag ausstrahlt. Gibt es einen Weg, den rasenden Radler anders darzustellen? Was kann die jeweilige Tätigkeit unterbrechen und lässt trotzdem auf das ursprüngliche Geschehen schließen? Dazu habe ich mir verschiedene Szenarien vorab überlegt. Ausschlaggebend dazu war ein Artikel im "Railway Modeller", in dem eine bereits existierende Anlage in ihren einzelnen Darstellungen und Personen so detailliert beschrieben wurde, dass man sich vollkommen in das Leben in dieser Miniaturlandschaft hineinversetzen konnte. So hab auch ich meine Vorstellungen von den verschiedenen Szenen auf der Anlage vorab zu Papier gebracht. Einige dieser Szenen entstammen z.T. aus Urlaubserlebnissen und Menschen, die wir erlebt und kennen gelernt haben. Diese sind nun in jene Zeit um 1960 versetzt wurden, einiges ist auch erfunden:



A late Afternoon in Midsomer - County
Die Kleinbahn ist gerade mit einer Wandergruppe nach Badgers-Drift abgefahren, es ist wieder Ruhe auf dem Bahnsteig von Midsomer-Mallow eingekehrt. Einige warten schon auf den Spätzug nach Bath, doch der kommt erst in einer halben Stunde. Am Ende vom Bahnsteig, hinten beim Stellwerk und auf der Fußgänger-Brücke lungern einige Jungs aus dem Ort, die Trainspotter. Sie warten schon seit einiger Zeit auf die heutige Durchfahrt des ‚Devon-Belle’ von London-Waterloo nach Plymouth. Heute mit einem ‚Streak’! - Diese Nachricht des Bahnhofsvorstehers hatte sich vor Tagen wie ein Lauffeuer unter den Jungs verbreitet und für größte Aufregung gesorgt. Schließlich kommt sie hier nicht alle Tage vorbei, die elegante, stromlinienförmige Gresley A4-Pacific mit den luxuriösen Pullman-Coaches. Fred Hoppsbotton hat heut sogar den alten Fotoapparat von seinem Vater dabei, andere blättern in ihren Notizblöcken und vergleichen die letzten Zugnummern. Wenn sie Glück haben, macht der Zug vielleicht einen außerplanmäßigen Halt...
Das Stellwerk ist zurzeit versperrt, Phil hat gerade den Schlüssel abgebrochen und der Rest steckt noch im Schloss - verdammt, und das bei dem Bahnverkehr! Glücklicherweise steht das Signal für den Fernzug sicherheitshalber auf Stopp - sehr zur Freude der Trainspotter. Da kann nur noch einer helfen - Jeff, die gute Seele vom Bahnwerk! Die Werkzeugkiste dabei, ein kurzer Ruck und die Tür ist erstmal wieder auf.


Am Marktplatz ist gerade dieser fremde LKW angekommen, den die zwei älteren Damen am Blumenladen aus den Augenwinkeln beobachten. Mrs. Ticklepenny und Miss Winterbottom fällt es sichtlich schwer, ihre Neugier zu verbergen. Trotzdem sie Desinteresse simulieren und angestrengt in die Auslage schauen, steigt der Fahrer, Bill Bones, aus und kommt direkt auf sie zu. Erleichtert sind sie erst wieder, als er davon fährt, nachdem sie ihm den Weg zur Quarry-Hill-Farm gezeigt haben. Lässig lehnt Sergeant Troy am Eingang vom White-Lions-Pub und beobachtet die Szene. Ganz unbemerkt schrieb er sich die Uhrzeit und LKW-Nummer auf - man kann ja nie wissen.
Unterwegs kam Bill an einem Radler vorbei, der gerade eine Panne hatte und sein Rad am Straßenrand reparieren musste. Sonst war hier in der Gegend nicht viel los. Im Ort sah er auf dem Weg zur Kirche noch einige Leute gestikulieren. Hier organisiert Lady Pommeroy den bevorstehenden Wettstreit der Bell-Ringer zwischen Midsomer-Mallow und Little-Kirkbridge. Diesmal zu ihrem Leidwesen wieder in "Little"-Kirkbridge! Vom Glockenturm her hört man bereits die einstudierten Standards.


Rechts im Feld steht der Farmer, Mr. Hoppsbotton, und wischt sich die Stirn. Auch wenn es schon später Nachmittag ist, so brennt die Sonne immer noch wie verrückt. Fertig ist er mit dem Stückchen Feld noch lange nicht - und überhaupt ist es doch erst mal Zeit für einen Tee! Den hat er griffbereit unter dem Sitz vom Traktor. In diesem Augenblick nähert sich ein fernes, dumpfes Rauschen und jäh zerschneidet ein fremd klingender Pfiff die ländliche Stille - von den Bahngleisen schrillt das Quietschen von Bremsen. Ja, da kommt er, der Sonderzug aus London. Sein Sohn hat schon seit Tagen davon geschwärmt - wirklich ein stolzer Zug! Er erinnert sich noch an die Rundfunkmeldung im Juli 1938: "LNER A4-Pacific fährt Weltrekord - 126 mph" - bis heute immer noch unübertroffen! Na, die Jungs werden sich freuen - früher hat er auch oft am Bahnhof gestanden, damals fuhr noch die Great-Western-Railway...
Auf der Farm geht es auf den Abend zu, Mrs. Hoppsbotton sitzt auf der Bank und sieht den Kindern und den Tieren zu, der Knecht kontrolliert noch mal den Traktor vor dem Schuppen, vom Quarry-Hill her hört man die Schafe.


Die Arbeiter aus dem alten Ticklepenny-Quarry bringen ihre letzte Ladung zur Bahnstation nach Midsomer-Mallow. Der alte Kran ist abgestellt, der Schuppen mit dem ganzen Werkzeug zugesperrt. Vorne am Zug schnauft eine alte, Fowler 2F. Wie die hier her kam, weiß auch Charles der Lokführer nicht mehr so genau. Aber sie leistet noch brav ihre Dienste, auch wenn sie ab und zu mal gewaltig Dampf ablässt. Charles nennt sie liebevoll "Camilla". Bald rattert sie hinunter ins Tal, vorbei an der Farm, dann ein Stück hinauf in Richtung Castle-Bridge und anschließend rückwärts bis zur Laderampe. Wenn sie dort ankommen, sind die Bahnarbeiter vom Lokschuppen schon auf dem Heimweg.

Diese sind jetzt noch mit der Vorbereitung der gewaltigen 9F ‚Black-Prince’ beschäftigt. Die hat Sir Archibald Ticklepenny II., stolzer Inhaber der Ticklepenny & Son’s Mining LTD für das kommende Wochenende organisiert. Sie soll die Bell-Ringer Mannschaft und alle Zuschauer aus Midsomer-Mallow eindrucksvoll nach Little-Kirkbridge bringen. Hier will man nicht mit so einer lächerlichen Bimmelbahn aufkreuzen, wie die Leute aus Kirkbridge im letzten Jahr! Mr. Ticklepenny betrachtet mit Stolz die riesige Maschine und gibt die letzten Anweisungen. Wie gesagt, noch mal putzen, anheizen am Freitag, startklar am Samstag!

John, mit seinem feschen MG, hat sich in diesem Tal gründlich verfahren. Diese abgelegene Gegend kann er auf seiner Landkarte nicht finden. Hat er doch Mandy versprochen, pünktlich zurück zu sein, um Sohn Luis vom Cricket abzuholen. Hier unten, hinter dem Bahndamm wurde es nun auch schon ziemlich dämmerig und etwas kühl. Ein leichter Wind rauscht durch die Bäume. Beim Anblick des verfallenen Hauses verging ihm die Idee, dort zu fragen. Da kam er um Jahre zu spät. Finch-House, die schiefe, halb zugewachsene Tafel half ihm auch nicht weiter - Finch, Finch - gab es da vor etwa 10 Jahren nicht den Massenmörder Ed Finch in Midsomer-County? Dann noch dieser längliche Erdhügel da hinten an der Mauer und die glänzende Schaufel... Ein leises Knarren und ein dumpfer Schlag, wie von einer alten Tür, ließ ihn schnell die Karte zusammenraffen, ins Auto springen und weiter fahren.

Mittlerweile ist die Kleinbahn von Badgers-Drift wieder abgefahren, einmal kommt sie noch spät am Abend, um die letzten Fahrgäste abzuholen. Einige Unerschrockene erforschen noch die Ruine, eine kleine Gruppe steht am Viewpoint. Von hier aus kann man herrlich die Sonne im Westen hinter dem alten Castle untergehen sehen, im Süden ist in der Ferne das Meer zu erspähen. Zwischen den alten Mauern ist es schon ganz still, die Eulen sind lautlos ins Tal gesegelt, im Dickicht von Finch-House finden sie hin und wieder mal leckere Brocken...

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Folgende Kommentare wurden hinzugefügt:

Kommentar von Tjorben F. am 22. 2. 08
Ich bin begeistert. Sieht echt klasse aus.
Gibt es noch mehr Geschichten?

Kommentar von HJBW am 22. 2. 08
Idee, Text und Zeichnungen - einfach klasse! Schön gemacht!

Helmut (HJBW)

Kommentar von Meickel am 23. 2. 08
Hallo Henning
Ich habe deinen Beitrag mit großer Begeisterung gelesen, auch ich fühle mich der Bahn in Britannien hingezogen und plane zur Zeit ein kleines Bahnhofsmodul. Wer sich auf britischen Modellbahnseiten im Internet ein wenig umschaut wird erstaunt sein über die kreativtät der Kollegen in Britanien, da wird noch richtig gebastelt. Jedenfalls Danke für Deinen
Beitrag, vielleicht sehen wir mal Deine Umsetzung ins Modell.
Grüße an alle Mike

Kommentar von Phil am 24. 2. 08
Hallo Henning!

<<Wenn man in Deutschland eine englische "Modelrailway" baut, muss man schon etwas spinnen!>> ...und dann erst in Österreich!
Bin ich mit meiner Philtown-Branch vielleicht der einzige oder gibts noch Mitstreiter? Als "Spinner" sehe ich unsere "British-N-Gauge-Section" aber trotzdem nicht - die anderen wissen halt (noch) nicht, welche tollen Sachen es da (zu bauen) gibt::)), und vor allem: welche kultigen Geschichten sich um legendäre Züge, Loks und Bahnlinien ranken...wenn die alle wüssten...::)) Gratulation und weiter so.

LG, Phil

Bekennender Fan des Cornish Riviera Express - es lebe die GWR!

Kommentar von Thomas S. am 25. 2. 08
Seltsamerweise gibt's in England und z. B. auch Holland viele Modellbahner, die Anlagen nach deutschen Motiven bauen, aber nur sehr wenige deutsche Modellbahner, die mal über den Tellerrand schauen. Gut, amerikanische oder schweizerische Anlagen findet man noch vereinzelt, aber wer in Deutschland baut schon nach französischem, italienischem usw. oder eben englischem Vorbild? Eigentlich schade...

Umso mehr Danke für Deinen Beitrag!

Thomas

Kommentar von gleisläufer am 23. 12. 08
Super Sache, gut gemacht und voller Leben! Weiter so.
Interessant in diesem Zusammenhang,Henning, Phil, Thomas, und alle anderen Leser, dass es hier im Internet wenige Deutsche gibt, die nach Vorbildern aus I, A, F, DK, S, N, Spanien bauen; von anderen Ländern ganz zu schweigen . USA scheint eine Ausnahme zu sein. Kanada fehlt ganz.
Meine Anlage GOTHA am GOTHA SHET`spielt einen Haltepunkt in Äthiopien nach, die Meterspurbahn von Addis Abeba ans Rote Meer bei Djibouti, erbaut von den Franzosen.
Und noch etwas fällt mir bei den "Engländern" unter uns auf - im Gegensatz zu den Briten und ihren Modellbahnanlagen: hier baut anscheinend niemand mit/nach dem Prinzip FIDDLE YARD. Ist das so unbekannt? Oder dann doch zu ungewöhnlich?
In EISENBAHN UND MODELLBAU, Heft Nr. 23/1989, Seiten 45 bis 55, stehen zum Thema FY einige Anmerkungen von mir.

Nun frisch ans Werk.

Rainer

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